Alt-Schlitzer Schmunzeleien

Histörchen, Episödchen und Anekdötchen aus Schlitz - Miniaturen mitten aus dem Leben unserer Vorfahren heraus.

Vorwort

Obertor
Obertor

Geschrieben von Heinrich Sippel

Ich möchte berichten über die Bewohner eines kleinen Landstrichs zwischen Rhön, Vogelsberg und Knüll in dem Dreieck von Alsfeld, Hersfeld und Fulda, über 16 Dörfer und eine idyllische Kleinstadt, die Stätte meiner Kindheit und Jugend war.

Ich möchte mich mit dieser Plauderei der Schlitzer Volksseele zuwenden, die - wie man schnell erkennt - uns keineswegs nur träge und chattisch-schwerblütig sondern mit verschmitzten Schmunzeleien fränkisch-heiter und gelegentlich sogar sehr pfiffig entgegentritt.

Ein ausgeprägtes Gespür für das Komische und ein Schuss von Bauernschläue verbanden sich zu allen Zeiten mit einem liebenswürdigen Hauch des Nichtbegreifens und des Provinziellen, denn die ehemalige Grafschaft Schlitz war geographisch und politisch immer isoliert und vom Weltgeschehen weitgehend abgeschnitten.

Das erste Motorrad

Geschrieben von Heinrich Sippel

Angesichts der in Schlitz aus den geschilderten Gründen zwangsläufig etwas eingeengten Betrachtungsweise der Geschehensabläufe in dieser Welt kam es bei den Schlitzerländern gelegentlich zu erschrockenem Erstaunen, wenn sie mit den neuesten Errungenschaften der Technik in Berührung kamen.

So erzählte mir mein 1973 verstorbener Schwiegervater die Geschichte von dem ersten Motorradfahrer in Schlitz. Es soll ein Bauernsohn gewesen sein, der in HAAKs Schlosserei auf der Langenwiese auf einer Probefahrt mit einem gerade auf den Markt gekommenen Motorrad bestanden habe. Man hatte ihm angeblich alle Schaltvorgänge erklärt, nur offenbar nicht genügend den Betätigungsmechanismus der Bremsen.

Der Motorradfahrer sei losgefahren und an diesem Tage noch viele Male - zunächst sehr verschüchtert, dann jedoch mit zunehmender Belustigung - an der Schlosserei "vorbeigeknättert", bis dann endlich das Benzin zur Neige gegangen und die Maschine zum Stehen gekommen sei.

Der Sackbahnhof

Geschrieben von Heinrich Sippel

Ende des vorigen Jahrhunderts wurde Schlitz ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Von Salzschlirf her wurden Brücken gebaut und Schienen verlegt. Schlitz erhielt einem Sackbahnhof. (Erst 1913 wurde die Strecke nach Niederjossa weitergeführt.)

Als wieder einmal ein Eisenbahnzug in den neugebauten schmucken Schlitzer Bahnhof einlief, stand ein biederer Schlitzer Bürger interessiert am Bahnsteig - sein Enkelchen an der Hand. Das Staunen auf dem Gesicht des aufgeweckten Buben veranlasste den Großvater zu folgender Erklärung:

"Sirste, Heinrich, das es deh Lokomodehf. Deh mosse se etze henge rehmhehb, sonst komme se nedd widder nach Schlirf zereck."

(Siehst Du, Heinrich, das ist die Lokomotive. Die müssen sie jetzt hinten herumheben, sonst kommen sie nicht wieder nach Salzschlirf zurück.)

Der Schlitzer Himmel

Geschrieben von Heinrich Sippel

Schlitz - man möchte es gar nicht glauben - hatte seinen eigenen Himmel! Er befand sich im Hofgut Hallenburg in dem 1984 von Franz ROSNER gekauften ehemaligen gräflichen Verwaltungsgebäude. Dort lagerten früher in einem seitlich begehbaren Raum die Fässer mit den so geschätzten Produkten der gräflich-GÖRTZischen Branntweinbrennerei. Von hier aus wurde der Hochprozentige vertrieben. Und dieser Lagerraum hieß bei den Schlitzern in beziehungsreicher Bezeichnungsweise "der Himmel".

Nun gab es einmal einen Rechnungsführer, dem die Vertriebsaufgaben oblagen und der so pflichtbewusst war, dass er sogar sonntags, wenn die Schlitzer sich zum Kirchgang aufmachten, den Himmel aufsuchte, obwohl es zu dieser Zeit dort nichts zu verkaufen und nichts zu richten gab. Das fiel auch dem Pfarrer auf. Er stellten den eifrigen Schnapsverwalter bei der nächsten Gelegenheit zur Rede. Doch dieser war nicht mundfaul. Er machte dem Pfarrer klar, weshalb er getrost gelegentlich auf den Kirchenbesuch verzichten könne, indem er erklärte:

"Wesse se, Herr Parr, sie kamme nur eimahl in de Himmel, ich äwwer jeden Dahg."

(Wissen sie, Herr Pfarrer, sie kommen nur einmal in den Himmel, ich aber jeden Tag.)

Lebenslänglich im Benderhaus

Geschrieben von Heinrich Sippel

Der 1937 verstorbene Kaufmann Julius SCHILLING, der einen Leinenhandel im Untergeschoss des Benderhauses betrieb, blinzelte in ruhigeren Geschäftsstunden bei geöffnetem Fenster zuweilen durch die dortigen Gitterstäbe in die Sonne. So haben ihn die alten Schlitzer noch in guter Erinnerung.

Als eines Tages ein fremder Handwerksbursche vorüberkam, fragte dieser - in der Meinung, da säße ein anderer Handwerksbursch im Gefängnis: "Na, Kollehsch, wie lang haste dn?"

Worauf er prompt die von tiefen Seufzern begleitete Antwort bekam: "Lebenslänglich!"

Der schiefe Garten

Geschrieben von Heinrich Sippel

Jedermann kennt die Redensart "Ich werf dir auch einmal einen Stein in den Garten", womit gesagt werden soll, dass man sich wegen einer selbst erfahrenen Wohltat gelegentlich bei dem Wohltäter einmal revanchieren werde.

Fritz, mein leider schon so früh verstorbener Cousin, hatte das aber anders verstanden. Als ein Nachbar einmal diese Redensart Fritzens Vater gegenüber gebrauchte, antwortete der Junge gereizt und schlagfertig:

"Das machd gahr nischd. Mir han am Heidbähk en schiefe Garde. Da rolld dr Stei enge widder ruhs."

(Das macht gar nicht. Wir haben am Heidberg einen schiefen Garten. Da rollt der Stein unten wieder raus.)

Der Herr Jesus und der Sandhaufen

Geschrieben von Heinrich Sippel

Es soll ein kinderfreundlicher Dorfpfarrer im Schlitzerland an einem Sandhaufen vorbeigekommen sein, an dem kleine Buben allerlei lustige Sachen aus Sand und Wasser, also aus "Knahtsch", formten. Die Knaben erklärten dem geistlichen Herrn auf die Frage, was sie denn da alles bauten, dies seien Türme, Mauern, Pferde, Männchen und Kuchen.

In seinem frommen Sinn fragte der Pfarrer weiter, ob die lieben Buben denn auch einmal ein Engelchen oder gar den Herrn Jesus Christus formen könnten. Darauf soll der älteste und pfiffigste gesagt haben:

"Das kanne mr schon; äwwer mr wesse nedd, ob dr Knahtsch noch reichd."

(Das können wir schon; aber wir wissen nicht, ob der Dreck noch reicht.)

Die kerngesunde Familie

Geschrieben von Heinrich Sippel

Sparsamkeit ist eine Tugend. Sie treibt zuweilen aber auch recht sonderbare bauernschlaue Blüten.

In der Bahnhofstraße befand sich nach dem 2. Weltkrieg das medizinische Labor der Frau LORENZ. Dort erschien eines Tages eine Bauersfrau vom Fuldagrund und lieferte, wie der "Dokter" es angeordnet hatte, Urin zur Untersuchung ab, und zwar eine große Flasche voll. Man erklärte ihr, so viel Urin sei an sich nicht nötig; sie solle sich am Freitag "den Bescheid abholen". Als ihr dann nach Tagen verkündet wurde, es sei alles in Ordnung, atmete sie erleichtert auf und erklärte:
"Godd sei Dank, dann senn mr ja all gesond!"

(Gott sei Dank, dann sind wir ja alle gesund!)