Schlitz - wie es unsere Eltern noch kannten

Begebenheiten in der kleinen Burgenstadt von den frühen 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zu der Zeit unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg sind Themen dieser Veröffentlichung. 

Vorwort

Grabenberg
Grabenberg

Geschrieben von Heinrich Sippel

Es waren schreckliche Jahre, die wir bereits hinter uns hatten; und einige furchtbare Monate standen noch bevor. Die Wochenschauberichte waren merklich kleinlauter geworden. Von den anfangs strahlenden Siegen war keine Rede mehr. Nur noch vereinzelte NS-Fanatiker sprachen vom Endsieg. Einige wenige glaubten noch daran.

Es war der Spätherbst des Jahres 1944. Fünf Jahre tobte schon der verheerende Weltenbrand, den sie den 2. Weltkrieg nannten.

Die rotbäckigen Willofser Äpfel

Geschrieben von Heinrich Sippel

Wir waren Halbwüchsige von 12 Lebensjahren. Schon zweieinhalb Jahre lang waren wir als Schüler des Realgymnasiums in Lauterbach jeden Morgen um Viertel vor sechs mit dem Zug zur Kreisstadt gefahren. Nachmittags kurz nach drei waren wir wieder zu Hause.

In den letzten Monaten hatte sich dies alles ungeheuer erschwert. Morgens gegen 9 Uhr rissen uns die Sirenen häufig schon aus dem Unterricht. Wir eilten in einen großen Schutzkeller in der unteren Lauterbacher Bahnhofstraße. Dies hatte jeweils zur Folge, dass der Zugfahrplan zusammenbrach. Wer von uns Schülern nicht bis zum Abend warten wollte, musste sich auf Schusters Rappen nach Schlitz begeben. Das waren vierzehn Kilometer. Und dies mehrmals in der Woche! Wir waren gefährdet. Gelegentlich mussten wir - von Tieffliegern bedroht - die Schutzgräben am Straßenrand aufsuchen.

Die Willofser haben uns auf diesen Heimwegen gar nicht gerne gesehen. Denn immer wieder wanderten die verlockend schönen rotbäckigen Äpfel von den Straßenbäumen in unsere Schulranzen. Bis wir nach Schlitz kamen, waren sie verspeist.

Das Brennholz des Stadtpfarrers

Geschrieben von Heinrich Sippel

Ein alter Lehrer - WIENER hieß er - wurde mit dem beginnenden Winter nach Schlitz geschickt. Er wohnte beim Tierarzt Dr. SCHNEIDER in der Poststraße oben unterm Dach und unterrichtete uns im alten Gemeindesaal am Oberpfarrhaus.

In dem Saal verströmte ein urtümlicher Kanonenofen eine wohlige Wärme. Er wurde von Holz- und Brikettstücken gespeist, von denen jeder von uns morgens eines mitbringen musste. Viele vergaßen dies und handelten sich von Herrn WIENER heftige Vorwürfe ein. Das passierte jedem nur einmal. Kam einer wiederholt ohne seinen Brandbeitrag am Kirchplatz an, dann bediente er sich von dem fein säuberlich aufgeschichteten Brennholz des Stadtpfarrers BERG. So wirkte der beliebte Theologe ungewollt an der Wärmung seiner Vorkonfirmanden mit.

Jetzt mussten wir unsere Algebraaufgaben zu Hause erledigen. Die Vorbereitungen bei flackerndem Kerzenlicht im frühmorgendlichen, von einem Kanonenöfchen geheizten Eisenbahnwagen nach Lauterbach fielen ja nun weg.

Das wegkundige kleine Wutzchen

Geschrieben von Heinrich Sippel

Die Ehemänner waren alle im Krieg. Die Frauen trafen sich an den Winterabenden mit dem Strickzeug in der Nachbarschaft. Es gab Malzkaffee und Grieskuchen, den sie auch "Kriegskuchen" nannten. Ich durfte mit und freute mich auf diese Genüsse. Die Schlangen vor den Lebensmittelläden wurden immer länger. Beim Metzger ROHRGASS gab es Freibankfleisch im langen schmalen Gang. Hundert Menschen harrten ebenso geduldig wie diejenigen, die auf ein Viertel Butter bei RAABEs (Hohes Haus) anstanden. Einmal traf ich das Ende der Schlange vor der ehemaligen Sonnenapotheke an.

Schnaps wurde schwarz gebrannt. Wir hatten dabei in der Nachbarschaft ein kleines Explosionsunglück zu verzeichnen. Die Milchkanne hatte dem Druck nicht standgehalten. Kakao mit Nuss war die bevorzugte Likörgeschmacksrichtung. Mit ihr konnte man am besten den Fuselgeschmack überdecken.

Schwarzschlachtungen waren an der Tagesordnung. Einmal lagen bei uns zwei Sauschwänze in der Wurstküche, als der Tierarzt zur Trichinenschau für nur eine Sau kam.

Spaßig war es mit dem Sauwiegen beim Schmied OTTERBEIN. Unsere gesamte Nachbarschaft führte zu dieser Prozedur immer das gleiche verkümmerte Wutzchen hin. Geschlachtet wurde dann die zu Hause gebliebene fette Sau. Es ging die Mär, dieses unschuldige Wutzchen hätte den Weg zum OTTERBEIN schließlich alleine gefunden.

Karfreitag: Panzer dröhnen durch Schlitz

Geschrieben von Heinrich Sippel

Als meine Mutter und ich die Poststraße hinuntergingen, sahen wir in der Bahnhofstraße die schier unendlich erscheinende Kolonne der gepanzerten, dreißig Tonnen schweren Ungetüme, der Mannschafts- und Versorgungsfahrzeuge mit dem großen weißen Stern vorbeifahren. Darauf saßen verwegene Gestalten, meist Schwarze, mit grimmiger Miene. Einige Panzer führten erbeutete Matratzen auf ihren Aufbauten mit sich.

Vereinzelt standen zaghafte Schlitzer Bürger schweigend am Wegesrand. Ehemalige polnische Zwangsarbeiter jubelten ihren Befreiern zu. Einer von ihnen war so betrunken, dass er in der Salzschlirfer Straße vor dem ehemaligen Kolonialwarenladen WAHL wiederholt in die Gosse torkelte.

Nun hörten wir, dass ein Panzer von Bernshausen kommend vor Schlitz eine Scheune in Brand geschossen habe. Auch in Hutzdorf brannte ein Gehöft. Schon lange, nachdem sich die Dunkelheit über das Land gesenkt hatte, stand diese Fackel noch am nächtlichen Himmel. Und noch etwas Furchtbares geschah in diesen Stunden: Heinrich LOOS, ein Mitarbeiter des Elektrizitätswerkes, hatte im E-Werk Rimbach einen Fehler behoben und sich trotz wohlmeinender Warnungen mit dem Fahrrad auf den Heimweg nach Schlitz begeben. Offenbar sahen ihn die Amerikaner als Volkssturmmann an. Er musste in Hutzdorf sterben.

Von meiner Frau erfuhr ich, dass am Karfreitagnachmittag vom Steinweg her ein deutscher Wehrmachts-Pkw auf die Ami-Kolonne gestoßen sei; darin ein General mit schlohweißem Haar. Gemessenen Schrittes sei er auf die Amerikaner losgegangen, um sich in die Gefangenschaft zu begeben. Die Soldaten hätten ihn auf einen Lastkraftwagen gestoßen und mit sich fortgeführt.

Klein-Chikago in der Burgenstadt

Geschrieben von Heinrich Sippel

Die nächsten Tage waren turbulent und aufregend. Schlitz erhielt eine Besatzung. Häuser mussten geräumt werden. Nichts durften die Eigentümer mitnehmen. Die gesamte Zinßerstraße und die untere Seelbüde waren fest in amerikanischer Hand. Unser Haus Seelbüde 16 war das erste, das nicht mehr geräumt zu werden brauchte. Wir wohnten also mitten in amerikanischen Verhältnissen, mitten in einem Hauch von Klein-Chikago. Tag und Nacht standen die hellerleuchteten Fenster offen. Laut klang der Glenn-Miller-Sound in die Nacht. Motoren heulten. Lichtmaschinen brummten eintönig vor sich hin. Was die Amis nicht mehr benötigten, warfen sie einfach durch die Fenster auf die Straße.

Die Kinder hatten ihre Freude; aber auch ausgewachsene ältere Herren, die auf Kippensuche waren. Die Soldaten machten es ihnen leicht. Sie rauchten ohnedies die Zigaretten nur halb. Für die Straßenrinnensammler bedeutete der aus mehreren Kippen gedrehte Glimmstängel aus parfümierter Virginia-Blend ein völlig neues Rauchgefühl, nicht vergleichbar mit den gewohnten türkischen und ägyptischen Tabaken und schon gar nicht mit dem "Scheunengebambel Marke Eigenbau". (Ich habe noch einen beachtlichen Rest dieses von meinem Großvater raffiniert fermentierten Tabaks bis heute aufbewahrt. Experimentierfreudige Pfeifenraucher sind zur historischen Probe herzlich eingeladen.)

Wir Jungen lebten in dieser Zeit voller Überraschungen. Neue Gaumenfreuden erschlossen sich uns. Was konnten wir nur alles ergattern? Am beliebtesten waren die stearinisolisierten Proviantpäckchen mit Schokolade, Kaffeebriefchen, Cornedbeef usw. Von den Kaugummis völlig zu schweigen! Am oberen Ende der Mauer in der Seelbüde fand ich eines Morgens eine Riesenkiste mit leeren Eiersätzen und siehe da: der untere Satz war noch unberührt. Doch meine Mutter verbot mir, diese Entdeckung zu unseren Gunsten zu verwerten. Ich wurde selbst in Ausnahmesituationen völlig korrekt erzogen.

Es gab auch Frauen, die auf hohen Stöckelabsätzen durch die Zinßerstraße flanierten. Die Kaugummi kauenden Amerikaner saßen in den Fensterrahmen und johlten.

Einem gefährlichen Sport huldigten die Männer aus Arkansas, Carolina und Alabama. Sie besaßen dünne über Draht gezogene Phosphorstäbchen, die - an einer Seite angezündet - mit großer Geschwindigkeit und gefährlichem Zischen hin und herstoben. Das machte uns riesigen Spaß. In der Untergasse waren Halbwüchsige leichtsinnig. Wie man erzählte, geriet eines der Stäbchen unter die Dachziegel einer Scheune und ein Riesenbrand äscherte mehrere Gebäude ein.